Interview mit Meinrad Buholzer
Du hattest am 5. März 1973 deinen ersten Arbeitstag bei der sda. Damals warst du 25 Jahre jung. Nach knapp 40 Jahren sda gehst du in Pension. Was sind die Gründe für diese erfreulich lange Firmentreue? Hat dich ein Wechsel nie gereizt?
Als ich bei der sda angefangen habe, gab ich mir zwei bis vier Jahre bei der Agentur. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Dass mich ein Wechsel nie gereizt hätte, kann ich nicht sagen, aber mir wurden die Alternativen wegfusioniert. Als ich als Journalist begann, gab es in Luzern vier Tageszeitungen, heute gibt es nur noch eine. Elektronische Medien liegen mir nicht, meine Kompetenz liegt im Schreiben. Und aus familiären Gründen wollte ich nicht allzu viel Zeit mit Pendeln verbringen oder den Wohnsitz in eine andere Region verlegen. Neben diesen äussern gab es aber auch sda-spezifische Gründe: Ich entdeckte die «verborgenen» Reize des Agenturjournalismus: dass man aus der Anonymität heraus besser beobachten kann als auf exponierten Plätzen; dass die Berichterstattung der Agentur sehr wohl die Wahrnehmung einer Region beeinflussen kann. Zudem liess mir die sda Spielraum bei der Arbeitsorganisation – immer unter der Voraussetzung, dass wir hier unsere Aufgabe erfüllten und die erwarteten Leistungen erbrachten. Das ist eine Qualität, die ich schätze und die zu meiner Treue beigetragen hat.
Du warst stets in der Regionalredaktion Luzern der sda tätig. Seit 1975 leitest du dieses Büro. Wie hast du diese Zeit erlebt?
Es war eine Zeit grossen Wandels. Die Zentralschweiz war damals in ihrem Selbstverständnis und auch in ihrer Wahrnehmung von aussen eine geschlossene Region, konservativ und katholisch dominiert. Doch dieses Bild, das schon damals nicht ganz der Realität entsprach, bekam bald schon Risse. Zwar hat die Region, was die interkantonale Zusammenarbeit betrifft, Pionierarbeit geleistet und viel erreicht. Immer stärker machte sich aber der Wettbewerb unter den Kantonen bemerkbar. Sie wurden zu Konkurrenten. Heute weht ein kälterer Wind. Der Zusammenhalt ist nur noch sehr locker und von den Eigeninteressen geprägt. Je nach Problem und Interessenlage sucht man die Verbündeten auch ausserhalb der Region. Früher wurden Konflikte eher unter dem Deckel gehalten, heute werden sie ausgetragen, manchmal ohne Rücksicht auf Kollateralschäden.
Was waren die herausragenden Ereignisse, über die du in dieser Zeit als Korrespondent berichten durftest? Was hat dich persönlich am meisten berührt?
Leider überschattet ein Ereignis alle andern: das Attentat im Zuger Kantonsrat von 2001. Es war ein Zufall, dass ich an diesem Tag nicht im Parlament sass, sondern im Büro in Luzern. Die berufliche Heausforderung nahm mich vorerst völlig in Anspruch, ich «funktionierte» professionell. Erst mit einer gewissen Verzögerung wurde mir das Ausmass dieser Tat bewusst.
Weltweite Resonanz fand auch unsere Berichterstattung über den Brand der Kapellbrücke. Nachdem ich als Journalist schon über diverse Brände berichtet hatte, nahm ich an, dass mich so ein Brand, bei dem niemand zu Schaden kam, nicht mehr sehr erschüttert. Aber als ich dann die verkohlten Reste in der Reuss stehen sah, tat es mir doch leid um die Brücke.
Beeindruckt hat mich die Landsgemeinde Obwalden von 1982, die den amtierenden Präsidenten des Ständerates abgewählt hat. Das war eine unerwartete, überraschende Lektion in Volksherrschaft.
Die Medienlandschaft war in den letzten Jahren einem grossen Wandel unterworfen. Wie siehst du die Medienentwicklung? Was hat sich zum Positiven gewandelt? Was bereitet dir Mühe?
Die Arbeit, die ich heute mache, ist nicht zu vergleichen mit der Arbeit in den siebziger Jahren. Es ist ein anderer Job. Abgesehen von der im Vergleich zur heutigen Hektik geradezu idyllischen Bedächtigkeit: Wir warteten, überspitzt gesagt, bis wieder etwas passierte oder bis die Post kam. Diese Zeit ist endgültig vorbei. Heute arbeiten wir viel aktiver, schneller, effizienter. Dazu beigetragen haben, technisch bedingt, die zunehmende Beschleunigung und die Ausweitung des Informationsbedürfnisses und des Informationsangebotes bis hin zur Unüberschaubarkeit der Social Media. Aber auch die Aufrüstung der Kommunikationsbranche.
Früher waren Medienmitteilungen und Medienkonferenzen Mangelware, heute herrscht Überfluss. Früher hat man uns einen Knochen hingeworfen, und wir mussten schauen, ob noch ein wenig Fleisch daran zu finden war. Heute wirft man uns die Knochen in rauhen Mengen nach und ertränkt sie in einer PR-Sauce, damit es nach mehr ausschaut. Aber manchmal habe ich den Eindruck, dass noch weniger Fleisch dran ist als an dem einzelnen, abgenagten Knochen von früher. Und trotz oder gerade wegen der Zunahme von Medien- und Kommunikationsstellen: Es ist manchmal schwieriger, an die relevanten Fakten heranzukommen. Die früheren niet oder no comment waren klar, unmissverständlich und auf ihre Art transparent. Inzwischen sind Kenntnisse über Kommunikation, Vernebelungsstrategien und Verkaufspsychologie Allgemeingut geworden.
Zur Frage nach dem Positiven: Die Arbeit ist professioneller geworden. Der Journalismus ist, wenngleich oft kritisiert und zu Recht hinterfragt, selbstverständlicher geworden. Unsere Texte sind lesbarer, lebendiger. Mühe habe ich mit der Effekthascherei, mit dem Aufbauschen, die immer mehr um sich greifen – wenn die Nachrichtenmoderatoren wichtiger werden als die Nachrichten. Auf Kosten von Fakten, Hintergründen, von fundiertem Wissen. Wenig anfangen kann ich mit den Social Media, die mir wie eine nochmalige Pontenzierung des medialen Schaumschlagens erscheinen. Es interssiert mich nicht, ob eine Moderatorin am Morgen das Eis von der Autoscheibe kratzen muss. In dieser Hinsicht bin ich froh, dass ich die Kurve noch rechtzeitig gekriegt habe und mich verabschieden darf.
Auch vor der sda hat der Wandel nicht halt gemacht. Die Ansprüche an eine Nachrichtenagentur sind in den letzten Jahren gestiegen. Die Kunden verlangen heute hohes Tempo, attraktiv aufbereitete Berichte, vertiefte Recherchen, Analysen und Hintergründe. Wie siehst du die Zukunft der sda?
Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. Sagte Mark Twain. Oder Karl Valentin. In der Medienbranche scheitert man zwangsläufig schon an der Halbwertszeit von Prognosen. Was ich zur sda sagen kann: dass sie die Stürme der letzten Jahr erstaunlich gut gemeistert, die Klippen umfahren hat. Aber die mediale See bleibt stürmisch. Doch das weiss die Führung der sda besser als ich. Nach meiner Einschätzung braucht es in der Flut der Informationen und Pseudo-Informationen eine klare, verlässliche Selektion, die das Wesentliche vom Unwesentlichen trennt. Dafür ist die sda zweifellos prädestiniert. Aber in diesem Fall bin ich Partei und ist meine Argumentation agenturgeprägt.
Am 1. Januar 2013 beginnt für dich ein neues Kapitel: der Ruhestand. Welche Pläne hast du?
Ich habe bewusst keine konkreten Pläne. Wie schon 1973: Es kommt sowieso immer anders. Natürlich werde ich reisen, lesen, mich bewegen. Aber das sagen alle andern auch. Und das reicht natürlich nicht. Ich glaube nicht, dass das Gefühl immerwährender Ferien befriedigend ist. Mir ist klar, dass ich neue Strukturen suchen, erarbeiten muss, um den Alltag zu gestalten. Das ist meine Herausforderung in den kommenden Monaten. Und ich stelle mir das sehr interessant vor.
Welche Botschaft würdst du jüngeren Kollegen und Kolleginnen mit auf den Weg geben?
Für Botschaften und Ratschläge bin ich der Falsche. Ich kann nur weitergeben, was mir bei der Arbeit als Journalist ein Anliegen war: der Versuch, immer wieder Distanz zu gewinnen zur Arbeit und diese zu hinterfragen. Nach Feierabend drei Schritte zurücktreten und sich fragen: Was mache ich überhaupt? Zu welchem Zweck? Und zu welchem Nutzen? Und ich versuchte, die Arbeit als Journalist ernst und wichtig zu nehmen, aber nicht zu wichtig.
Winfried Kösters, stv. Chefredaktor
Du hattest am 5. März 1973 deinen ersten Arbeitstag bei der sda. Damals warst du 25 Jahre jung. Nach knapp 40 Jahren sda gehst du in Pension. Was sind die Gründe für diese erfreulich lange Firmentreue? Hat dich ein Wechsel nie gereizt?
Als ich bei der sda angefangen habe, gab ich mir zwei bis vier Jahre bei der Agentur. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Dass mich ein Wechsel nie gereizt hätte, kann ich nicht sagen, aber mir wurden die Alternativen wegfusioniert. Als ich als Journalist begann, gab es in Luzern vier Tageszeitungen, heute gibt es nur noch eine. Elektronische Medien liegen mir nicht, meine Kompetenz liegt im Schreiben. Und aus familiären Gründen wollte ich nicht allzu viel Zeit mit Pendeln verbringen oder den Wohnsitz in eine andere Region verlegen. Neben diesen äussern gab es aber auch sda-spezifische Gründe: Ich entdeckte die «verborgenen» Reize des Agenturjournalismus: dass man aus der Anonymität heraus besser beobachten kann als auf exponierten Plätzen; dass die Berichterstattung der Agentur sehr wohl die Wahrnehmung einer Region beeinflussen kann. Zudem liess mir die sda Spielraum bei der Arbeitsorganisation – immer unter der Voraussetzung, dass wir hier unsere Aufgabe erfüllten und die erwarteten Leistungen erbrachten. Das ist eine Qualität, die ich schätze und die zu meiner Treue beigetragen hat.
Du warst stets in der Regionalredaktion Luzern der sda tätig. Seit 1975 leitest du dieses Büro. Wie hast du diese Zeit erlebt?
Es war eine Zeit grossen Wandels. Die Zentralschweiz war damals in ihrem Selbstverständnis und auch in ihrer Wahrnehmung von aussen eine geschlossene Region, konservativ und katholisch dominiert. Doch dieses Bild, das schon damals nicht ganz der Realität entsprach, bekam bald schon Risse. Zwar hat die Region, was die interkantonale Zusammenarbeit betrifft, Pionierarbeit geleistet und viel erreicht. Immer stärker machte sich aber der Wettbewerb unter den Kantonen bemerkbar. Sie wurden zu Konkurrenten. Heute weht ein kälterer Wind. Der Zusammenhalt ist nur noch sehr locker und von den Eigeninteressen geprägt. Je nach Problem und Interessenlage sucht man die Verbündeten auch ausserhalb der Region. Früher wurden Konflikte eher unter dem Deckel gehalten, heute werden sie ausgetragen, manchmal ohne Rücksicht auf Kollateralschäden.
Was waren die herausragenden Ereignisse, über die du in dieser Zeit als Korrespondent berichten durftest? Was hat dich persönlich am meisten berührt?
Leider überschattet ein Ereignis alle andern: das Attentat im Zuger Kantonsrat von 2001. Es war ein Zufall, dass ich an diesem Tag nicht im Parlament sass, sondern im Büro in Luzern. Die berufliche Heausforderung nahm mich vorerst völlig in Anspruch, ich «funktionierte» professionell. Erst mit einer gewissen Verzögerung wurde mir das Ausmass dieser Tat bewusst.
Weltweite Resonanz fand auch unsere Berichterstattung über den Brand der Kapellbrücke. Nachdem ich als Journalist schon über diverse Brände berichtet hatte, nahm ich an, dass mich so ein Brand, bei dem niemand zu Schaden kam, nicht mehr sehr erschüttert. Aber als ich dann die verkohlten Reste in der Reuss stehen sah, tat es mir doch leid um die Brücke.
Beeindruckt hat mich die Landsgemeinde Obwalden von 1982, die den amtierenden Präsidenten des Ständerates abgewählt hat. Das war eine unerwartete, überraschende Lektion in Volksherrschaft.
Die Medienlandschaft war in den letzten Jahren einem grossen Wandel unterworfen. Wie siehst du die Medienentwicklung? Was hat sich zum Positiven gewandelt? Was bereitet dir Mühe?
Die Arbeit, die ich heute mache, ist nicht zu vergleichen mit der Arbeit in den siebziger Jahren. Es ist ein anderer Job. Abgesehen von der im Vergleich zur heutigen Hektik geradezu idyllischen Bedächtigkeit: Wir warteten, überspitzt gesagt, bis wieder etwas passierte oder bis die Post kam. Diese Zeit ist endgültig vorbei. Heute arbeiten wir viel aktiver, schneller, effizienter. Dazu beigetragen haben, technisch bedingt, die zunehmende Beschleunigung und die Ausweitung des Informationsbedürfnisses und des Informationsangebotes bis hin zur Unüberschaubarkeit der Social Media. Aber auch die Aufrüstung der Kommunikationsbranche.
Früher waren Medienmitteilungen und Medienkonferenzen Mangelware, heute herrscht Überfluss. Früher hat man uns einen Knochen hingeworfen, und wir mussten schauen, ob noch ein wenig Fleisch daran zu finden war. Heute wirft man uns die Knochen in rauhen Mengen nach und ertränkt sie in einer PR-Sauce, damit es nach mehr ausschaut. Aber manchmal habe ich den Eindruck, dass noch weniger Fleisch dran ist als an dem einzelnen, abgenagten Knochen von früher. Und trotz oder gerade wegen der Zunahme von Medien- und Kommunikationsstellen: Es ist manchmal schwieriger, an die relevanten Fakten heranzukommen. Die früheren niet oder no comment waren klar, unmissverständlich und auf ihre Art transparent. Inzwischen sind Kenntnisse über Kommunikation, Vernebelungsstrategien und Verkaufspsychologie Allgemeingut geworden.
Zur Frage nach dem Positiven: Die Arbeit ist professioneller geworden. Der Journalismus ist, wenngleich oft kritisiert und zu Recht hinterfragt, selbstverständlicher geworden. Unsere Texte sind lesbarer, lebendiger. Mühe habe ich mit der Effekthascherei, mit dem Aufbauschen, die immer mehr um sich greifen – wenn die Nachrichtenmoderatoren wichtiger werden als die Nachrichten. Auf Kosten von Fakten, Hintergründen, von fundiertem Wissen. Wenig anfangen kann ich mit den Social Media, die mir wie eine nochmalige Pontenzierung des medialen Schaumschlagens erscheinen. Es interssiert mich nicht, ob eine Moderatorin am Morgen das Eis von der Autoscheibe kratzen muss. In dieser Hinsicht bin ich froh, dass ich die Kurve noch rechtzeitig gekriegt habe und mich verabschieden darf.
Auch vor der sda hat der Wandel nicht halt gemacht. Die Ansprüche an eine Nachrichtenagentur sind in den letzten Jahren gestiegen. Die Kunden verlangen heute hohes Tempo, attraktiv aufbereitete Berichte, vertiefte Recherchen, Analysen und Hintergründe. Wie siehst du die Zukunft der sda?
Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. Sagte Mark Twain. Oder Karl Valentin. In der Medienbranche scheitert man zwangsläufig schon an der Halbwertszeit von Prognosen. Was ich zur sda sagen kann: dass sie die Stürme der letzten Jahr erstaunlich gut gemeistert, die Klippen umfahren hat. Aber die mediale See bleibt stürmisch. Doch das weiss die Führung der sda besser als ich. Nach meiner Einschätzung braucht es in der Flut der Informationen und Pseudo-Informationen eine klare, verlässliche Selektion, die das Wesentliche vom Unwesentlichen trennt. Dafür ist die sda zweifellos prädestiniert. Aber in diesem Fall bin ich Partei und ist meine Argumentation agenturgeprägt.
Am 1. Januar 2013 beginnt für dich ein neues Kapitel: der Ruhestand. Welche Pläne hast du?
Ich habe bewusst keine konkreten Pläne. Wie schon 1973: Es kommt sowieso immer anders. Natürlich werde ich reisen, lesen, mich bewegen. Aber das sagen alle andern auch. Und das reicht natürlich nicht. Ich glaube nicht, dass das Gefühl immerwährender Ferien befriedigend ist. Mir ist klar, dass ich neue Strukturen suchen, erarbeiten muss, um den Alltag zu gestalten. Das ist meine Herausforderung in den kommenden Monaten. Und ich stelle mir das sehr interessant vor.
Welche Botschaft würdst du jüngeren Kollegen und Kolleginnen mit auf den Weg geben?
Für Botschaften und Ratschläge bin ich der Falsche. Ich kann nur weitergeben, was mir bei der Arbeit als Journalist ein Anliegen war: der Versuch, immer wieder Distanz zu gewinnen zur Arbeit und diese zu hinterfragen. Nach Feierabend drei Schritte zurücktreten und sich fragen: Was mache ich überhaupt? Zu welchem Zweck? Und zu welchem Nutzen? Und ich versuchte, die Arbeit als Journalist ernst und wichtig zu nehmen, aber nicht zu wichtig.
Winfried Kösters, stv. Chefredaktor


