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Ausgabe Nr. 64 / 03-2014
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sda Nachrichten

David Kunz (im Vordergrund) und Stefan Trachsel, die in den Redaktionsräumen der australischen Nachrichtenagentur AAP ihren Arbeitsplatz haben.

Die vier Journalisten der sda, die den Sprung auf die andere Seite des Globus gewagt haben (von links nach rechts): Stefan Trachsel, Gilles D’Andrès, Blaise-André Simon und David Kunz.
sda hat Quartier in Australien bezogen

Drei Monate sind es nun her, dass die sda ihren Nachtdienst in die australische Metropole Sydney ausgelagert hat. Seit dem 2. Januar 2014 produzieren je ein deutsch- und französischsprachiger Redaktor am anderen Ende der Welt den sda-Dienst, wenn in der Schweiz finstere Nacht herrscht. Nach knapp 100 Tagen ziehen alle Beteiligten eine positive erste Bilanz.

Glockenschlag 23 Uhr europäische Winterzeit. In den sda-Redaktionsräumen im ersten Stock an der Länggassstrasse 7 in Bern brennt noch Licht. Die deutsch- und französischsprachigen Ausland-/Online-Redaktoren beenden ihre Spätschicht. Via Skype informieren sie ihre Kollegen in Sydney über die aktuelle Nachrichtenlage. In Sydney ist es 9 Uhr. Die Kollegen haben ihre Tagschicht soeben begonnen. Ihr Arbeitsplatz befindet sich in den Redaktionsräumen der australischen Partneragentur AAP – mit herrlichem Ausblick über die Stadt.

Tagschicht in tiefer Nacht
Acht Stunden später, nach getaner Arbeit, zeigt sich das exakt gleiche Bild – mit  umgekehrten Vorzeichen. Während in Sydney die Sonne dem Horizont entgegen strebt, erwacht die Schweiz allmählich und begrüsst einen neuen Tag. Während ihrer Schicht haben die beiden Kollegen im Büro Sydney Meldungen selektiert oder selber geschrieben. Sie verfolgen das internationale, nationale und auch regionale Geschehen in der Schweiz.

In diesen Tagen sorgen die verschwundene Boeing der Malaysia Airlines oder das Dossier Ukraine für Schlagzeilen. Ein waches Auge hat die Crew in Sydney  auf die Schweizer Aktualität: Unfälle, Unwetter, Brände oder Störungen auf dem SBB-Netz werden zu Meldungen verarbeitet. «Es ist schon sehr speziell, wenn wir von Australien aus bei einer Kantonspolizei anrufen. Wir stellen uns lebhaft vor, mit welch grossen Augen der Beamte am anderen Ende der Telefonleitung auf das Display schaut, wenn dort die Vorwahl +61 angezeigt wird», sagt Stefan Trachsel, der für die deutschsprachige Redaktion arbeitet.

Die sda-Chefredaktion ist mit der Arbeit des Büros in Sydney sehr zufrieden. Die Erwartungen haben sich voll erfüllt. Die Nachrichtenproduktion hat an Umfang und Inhalt gewonnen. Die Equipe reagiert rasch auf aktuelle Ereignisse. Interviews in Tageszeitungen werden bereits in der Nacht ausgewertet, sodass sie den elektronischen Medien und den Nachrichtenportalen in der Schweiz in der Primetime am frühen Morgen zur Verfügung stehen. Jeweils am Sonntagmorgen liefert die sda eine Presseschau mit sieben bis acht aktuellen Themen aus den Sonntagszeitungen. Die sda kann damit einen lang gehegten  Wunsch dieser Blätter nach mehr Präsenz am frühen Morgen erfüllen.

Für die je zwei deutsch- und französischsprachigen Kollegen in Sydney, die sich jeweils im Dienst abwechseln, stimmt das Arbeitsumfeld. Einzig die Technik bereitet noch einige Probleme. So sind die Antwortzeiten des Redaktionssystems wegen der grossen Distanz noch nicht optimal. Die  Kollegen benötigen für das Herunterladen von Schweizer Zeitungen viel Geduld. Seit die AAP auf Glasfaserkabel umgestellt hat, konnte das Problem etwas entschärft werden. Weitere Optimierungen sind geplant.

Europas Medien entdecken Australien
Die sda ist nicht die einzige Nachrichtenagentur, die bei der AAP Unterschlupf gefunden hat. Bereits seit einiger Zeit ist die dänische Agentur Ritzau in Sydney präsent. «Neben uns sitzen ferner zwei deutsche Kollegen, die Meldungen aus den AP Weltnachrichten in die deutsche Sprache übersetzen», sagt Blaise-André Simon, der für den französischsprachigen sda-Dienst in Sydney tätig ist. In den Startlöchern stehen die Agenturkollegen aus Norwegen und Finnland. Und auch die belgische Nachrichtenagentur Belga und die schwedische TT überlegen sich, ihre Nachtdienste nach Sydney zu verlegen.

«Wir arbeiten zwar nicht systematisch Hand in Hand mit den anderen Agenturkollegen. Aber wir haben einen guten Draht zueinander und helfen uns gegenseitig, wo wir können», sagt Stefan Trachsel. «Waren früher je ein deutsch- und französischsprachiger Kollege in Bern einsam auf weiter Flur tätig, so profitieren wir heute von einem regen Austausch mit unseren Kollegen aus Deutschland oder Dänemark.» Und auch nach Dienstschluss treffen sich die Kollegen gelegentlich zu einem Bier in einer der vielen Bars in Sydney. «Wir haben hier viele neue Freunde gewonnen», weiss Gilles D’Andrès zu berichten.

Béat Grossenbacher, stv. Chefredaktor

Spartanischer Start
Wenn die Kollegen in Sydney via Skype in Ton und Bild erscheinen, ist ihnen grosse Zufriedenheit anzumerken. Heimweh kennen sie nicht. Die angenehme Zusammenarbeit mit ihren Kollegen aus den anderen europäischen Ländern hat es ihnen leicht gemacht, sich rasch zu integrieren.

Die Romands wechseln sich alle sieben Tage im Dienst ab. Gilles D’Andrès hat die freie Zeit bereits zu diversen Ausflügen in die nähere und fernere Umgebung genutzt. Auf dem australischen Kontinent, aber auch in Bali, war er auf Entdeckungstour. «Doch auch Erholung ist in der Freizeit wichtig. Fischen und Surfen sind ideale Aktivitäten, um abzuschalten».

«Das grösste Hindernis war nach der Ankunft in Sydney, eine passende Wohnung zu finden», sagt Blaise-André Simon. «Das hat länger gedauert, als ich gedacht habe.» Drei Wochen musste er in Hotels verbringen. Die Appartements seien häufig zu teuer, zu klein und unsauber. Und die bis zu zehn  Formulare, die es auszufüllen gelte, zerrten an den Nerven.

Eher spartanisch ging es bei Gilles D’Andrès nach der Einreise zu und her. In den ersten beiden Wochen kam er in einer Jugendherberge unter, die eng und  überfüllt war und ihm im wahrsten Sinne des Wortes auf den Magen schlug. Schliesslich fand er eine Bleibe (Sharehause) in einem dynamischen Viertel im Zentrum Sydneys. Dort lebt er nun zusammen mit zehn Mitbewohnern aus aller Herren Länder: Indien, Tahiti, Taiwan, England, Frankreich, Italien, Brasilien, Finnland, Japan und Neuseeland. «Wir haben hier viel Platz und einen schönen Garten, der für die traditionellen australischen Barbecues ideal ist», berichtet Gilles D’Andrès. «Wir treffen uns hier am Abend und diskutieren engagiert beim Nachtessen in englischer Sprache – jeder mit seinem eigenen speziellen Akzent.»