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Ausgabe Nr. 69 / 06-2015
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KEYSTONE

Motosacoche von 1915 - Photo by Jules Decrauzat, Photopress-Archiv, KEYSTONE
Jules Decrauzat - Der erste Fotoreporter der Schweiz

Jules Decrauzat ist der wohl erste bedeutende Fotojournalist der Schweiz. Dank intensiver Recherchearbeit konnte ein Bestand von rund 1250 Glasnegativen aus der Zeit zwischen 1910 und 1930, die in den Archiven von KEYSTONE dem Zahn der Zeit getrotzt haben, dem in Biel geborenen Jules Decrauzat (1879-1960) zugeschrieben werden. Seine Momentaufnahmen aus dem Bereich des Sports und der frühen Luftfahrt treffen den Nerv der Gesellschaft an der Schwelle zur Moderne.

Decrauzats Biografie lässt sich heute nur noch in groben Zügen rekonstruieren. Seine Kindheit verbringt Jules Decrauzat in Biel. In Genf studiert er Bildhauerei und später in Paris entdeckt er seine Faszination für die Fotografie. Zu dieser Zeit wirken die meisten Fotografien, die gedruckt werden, statisch und gestellt. Jules Decrauzat strebt jedoch nach einer anderen Art von Fotografie: Ihm schweben Momentaufnahmen vor, das Festhalten bewegter Szenen und sekundenschnelles Handeln, um die entscheidenden Augenblicke einzufangen. Im Jahr 1899 gelingt dem jungen Reporter im Umfeld des sogenannten Dreyfus-Prozesses in Rennes ein Coup: Bei einem Attentat auf den Anwalt von Alfred Dreyfus erwischt er den Täter in voller Aktion. Das Bild wird von der Zeitschrift L’Illustration teuer eingekauft und bildet den Auftakt zu einer internationalen Karriere. Im Jahr 1900 wird er nach Südafrika geschickt, um über den Burenkrieg zu berichten. In den folgenden Jahren reist er zuerst nach Südamerika, danach ist er als Fotoreporter für französische Medien in Europa unterwegs. 1910 wird Decrauzat von der in Genf erscheinenden Illustrierten La Suisse Sportive engagiert, für die er bis 1925 arbeitet. Anschliessend übernimmt er diverse organisatorische Aufgaben, u.a. als Präsident der Nationalen Sportkommission des ACS oder ab 1927 als Mitglied des Organisationskomitees des Genfer Automobilsalons. Seine journalistischen Arbeiten werden spärlicher. Allerdings bleibt «Oncle Jules», wie ihn die Genfer liebevoll nennen, eine weitherum bekannte Persönlichkeit. Am 29. Juni 1960 stirbt der «Pionier der Photo-Reportage und der Sportberichterstattung», wie die Neue Zürcher Zeitung meldet – danach gerät sein Werk in Vergessenheit.

Der grösste Teil des Fotoarchivs von Jules Decrauzat, das vermutlich rund 80'000 Glasnegative umfasste, ist bis heute verschollen – oder wurde vernichtet. Nur ein winziger Bruchteil davon scheint überlebt zu haben, allerdings lange Zeit als anonymer Bestand, der über Umwege zu KEYSTONE in Zürich gelangte. Dieses Glasplatten-Archiv deckt die Jahre 1910 bis 1925 ab und stammt aus Decrauzats Tätigkeit bei La Suisse Sportive.

Die Fotostiftung Schweiz in Winterthur widmet dem Fotografen eine Einzelausstellung unter dem Titel «Das Leben ein Sport – Jules Decrauzat, Pionier der Fotoreportage» vom 30. Mai bis 11. Oktober 2015.
Parallell dazu ist im Echtzeit Verlag das Buch «Jules Decrauzat. Erster Fotoreporter der Schweiz» mit 90 Fotografien und einem biografischen Essay erschienen, 48 Franken.