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Ausgabe Nr. 74 / 09-2016
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sda Nachrichten

Adieu - Béat Grossenbacher, der Leiter der französischsprachigen sda-Redaktion und stv. Chefredaktor verlässt die sda per Ende Oktober.
Béat Grossenbacher: «Guter Journalismus hat Zukunft»

Während sieben Jahren hat Béat Grossenbacher die französischsprachige Redaktion der sda erfolgreich geleitet. Im Interview wagt er einen Blick zurück und einen Blick nach vorn.

sda: Béat, Du hast von Mitte 2009 bis Ende 2016 das französischsprachige Team der sda geführt. Was waren im Rückblick betrachtet Höhepunkte und was eher schwierige Moment für Dich?

Grossenbacher: Als ich 2009 zur sda stiess, hat mit die professionelle Arbeit der Redaktion beeindruckt. Die sda ist sehr gut organisiert. Die Mitarbeitenden arbeiten täglich hoch motiviert. Nicht die eigene Persönlichkeit, sondern der im Team produzierte Nachrichtendienst steht im Zentrum. Und die sda verfolgt die Aktualität nicht nur von früh bis spät. Sie bleibt bei den wichtigen Themen dran und sorgt so für Kontinuität in der Berichterstattung.

Journalistische Höhepunkte, die ich erleben durfte, waren die Eidgenössischen Wahlen 2011 und 2015. In solchen Momenten ist förmlich ein Knistern in der Redaktion zu spüren. Alle Mitarbeitenden arbeiten mit hohem Engagement und geben alles. Das sind wahrhaft grosse Momente.

Schwierig waren für mich die ersten Monate nach meinem Stellenantritt. Die sda musste rund 10 Prozent der Kosten einsparen. Es kam zu einem Stellenabbau. Wir mussten ferner die Regionalredaktion in Neuenburg schliessen. Das waren harte Einschnitte, die auch menschlich Spuren hinterliessen. Emotional stark gefordert hat uns das Car-Unglück in Siders, das in der Nacht zum Tod von 28 belgischen Schülerinnen und Schülern führte. Als ich am frühen Morgen den Dienst in der Zentrale in Bern antrat, galt es die Ablösung des Nachtdienstes zu regeln. Ich fand eine Equipe vor Ort, die erschöpft war.

sda: Du warst während vielen Jahren Mitglied im Stiftungsrat des Presserates und der Chefredaktorenkonferenz. Die Qualität der Medien liegt beiden Institutionen am Herzen. Wo steht der Journalismus im Jahr 2016 Deiner Meinung nach?

Grossenbacher: Allen Unkenrufen zum Trotz bin ich der Meinung, dass die Qualität der Medien hoch bleibt. Die Journalistinnen und Journalisten sind heute in der Regel exzellent ausgebildet, ja sogar besser als früher. Auf der anderen Seite ist es ein Faktum, dass der Kosten- und Zeitdruck in den letzten Jahren massiv zugenommen hat. Dennoch bin ich überzeugt, dass die Qualitätsmedien auch künftig einen festen Platz in unserer Gesellschaft haben werden. Die sda gehört ohne Zweifel dazu. Und ich gehöre nicht zu jenen, die behaupten, die Qualität der Gratismedien sei schlecht. Jeder macht seinen Job – und die Schweizer Medien generell machen ihren Job gut.

sda: Die Digitalisierung hat die gesamte Medienbranche mit rasantem Tempo erfasst. Du hast in leitenden Positionen für das Westschweizer Radio, das «Journal du Jura» und für die sda gearbeitet. Welches Fazit ziehst Du aus Deiner Zeit als Journalist?

Grossenbacher: An einer multimedialen Produktion kommt heute kein Medienhaus mehr vorbei. Das heisst für die Journalistinnen und Journalisten, dass sie neue Fertigkeiten erlernen müssen. Auf der anderen Seite bin ich jedoch dezidiert der Meinung, dass das Konzept des multifunktionalen Reporters nicht funktioniert. Wer Texte, Bilder und Videos gleichzeitig produzieren soll, landet rasch einmal im Chaos. Macht ein Redaktor alles, macht er am Ende vieles nur halb. Reflexion und Vertiefung haben dann keinen Platz mehr. Das aber ist für guten Journalismus unabdingbar. Mit anderen Worten: die Kader in den Medienhäusern sollten der Redaktion die finanziellen Mittel zur Verfügung stellen, um die vielfältigen Aufgaben mit hoher Qualität erledigen zu können.

sda: Was bringt die Zukunft?

Grossenbacher: Vor meinem Wechsel vom Westschweizer Radio zum «Journal du Jura», im Jahr 2000, habe ich den Verleger gefragt, wie er die Zukunft der Tageszeitung beurteile. Seine Antwort war, dass er maximal eine Prognose für die nächsten fünf Jahre abgeben können – und das sei schon schwierig genug. Als ich ihn daran erinnerte vor meinem Wechsel zur sda, 8 Jahre später, sagte er dass er eine solche Prognose gar nicht mehr wagen würde… Heute einen Ausblick zu wagen, ist in unserer schnelllebigen Zeit ungleich schwieriger. Fest überzeugt bin ich jedoch, dass guter Journalismus eine Zukunft hat, egal ob er digital oder auf Papier angeboten wird. Verstärken dürfte sich zugleich der Trend zum «on demand»-Journalismus und zu personalisierten Informationen.

sda: Würdest Du also Deinen vier Kindern den Einstieg in den Journalismus empfehlen?

Grossenbacher: Wenn eines überzeugt wäre, dass es den Beruf des Journalisten erlernen wollte, so würde ich ihm sicher nicht abraten. Die klassischen Tugenden eines Journalisten müsste er jedoch sicher mitbringen: Leidenschaft, Neugier und hohe Flexibilität sind für diese Beruf unabdingbar. Ob jemand heute ein ganzes Berufsleben lang im Journalismus tätig sein will und kann, steht dagegen auf einem anderen Blatt. Als ich vor 34 Jahren diesen Beruf gewählt habe, war das Umfeld noch sehr freundlich. Den Kopf in den Sand zu stecken, bringt dennoch nichts. Bekanntlich hatte die Schweizer Uhrenbranche in den 70-er Jahren eine tiefgreifende Strukturkrise zu bewältigen – und hat schon nach wenigen Jahren auf den goldenen Pfad des Erfolges zurückgefunden.

sda: Per Anfang November steigst Du aus dem Journalismus aus und wirst Stadtscheiber von St. Imier im Berner Jura, Deinem Wohnort. Ein eher ungewöhnlicher Schritt. Welche Herausforderungen erwarten Dich am neuen Ort?

Grossenbacher: Ich betrete kein unbekanntes Terrain. Die Stelle als Stadtschreiber umfasst ein breites Spektrum an Aufgaben. Als einer von 31 Stadträten (Legislative) war ich schon bisher bestens in die lokale Politik integriert. Ferner werde ich den Wirtschaftsdienst leiten, der sich unter anderem mit der Ansiedlung von Unternehmen befasst. Und die Kommunikation, die ich als Journalist ja bestens kenne, gehört ebenfalls zu meinem Portefeuille. Wird mir der Journalismus fehlen? Ich glaube nicht. In meinem bisherigen Berufsleben habe ich immer nach vorne geschaut und mich auf neue Aufgabe gefreut. Das ist auch jetzt so. Der wehmütige Blick zurück ist meine Sache nicht.

sda: Lieber Béat, die sda-Redaktion dankt Dir herzlich für Deine Arbeit. Wir wünschen Dir privat und beruflich alles Gute für die Zukunft.

Interview: Winfried Kösters

 

 

 
   

Federico Bragagnini folgt auf Béat Grossenbacher

Der 46-jährige Federico Bragagnini tritt im Frühjahr 2017 die Nachfolge von Béat Grossenbacher an. Bragagnini wird ab diesem Zeitpunkt Mitglied der fünfköpfigen sda-Chefredaktion. Er leitet die französischsprachige Redaktion mit insgesamt rund 50 Mitarbeitenden.

Derzeit ist Bragagnini für swissinfo.ch tätig. Er ist seit Januar 2012 Chef der Schweizer Redaktion bei swissinfo.ch und Mitglied der erweiterten Chefredaktion. Zuvor war er während eineinhalb Jahren Leiter des englischsprachigen Dienstes von swissinfo.ch.

Bragagnini kennt die sda bestens. Von 1997 bis 2000 war er Tessiner Korrespondent der sda. Anschliessend arbeitete er als Inlandredaktor in der sda-Zentrale in Bern. Im Frühjahr 2001 ernannte die sda-Chefredaktion Bragagnini zum Ressortchef der französischsprachigen sda-Auslandredaktion. Diese Funktion übte er bis zu seinem Wechsel zu swissinfo.ch Ende 2010 aus.

Nun kehrt Bragagnini zur sda zurück. Wir freuen uns über die Rückkehr von Federico und heissen ihn herzlich in unserem Kreis willkommen.

 
   


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