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Ausgabe Nr. 75 / 12-2016
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Wohin werden die Finanzmärkte 2017 tendieren? Marktauguren erwarten eine anhaltend hohe Volatilität.
Die Finanzmärkte stehen 2017 im Zeichen der Politik

Märkte unter politischem Dauerbeschuss sind überaus volatil und nicht nachhaltig - deshalb mag sie niemand. Doch genau darauf werden sich die Investoren im kommenden Jahr einstellen müssen. Besonders deutlich werden die Spuren dieser politischen Börsen an den Bond- und Devisenmärkten zu sehen sein, sind sich Ökonomen einig. Renditejäger sollten in diesem Umfeld auf starke Dividenden-Titel und Zykliker setzen.

Einen ersten Vorgeschmack auf das kommende Jahr erhielten Investoren bereits Anfang Dezember. Am 2. Advent stimmten die Italiener über ein Verfassungsreferendum ab, und in Österreich wurde ein neuer Staatspräsident gewählt. Während in Österreich der befürchtete Rechtsruck ausblieb, scheiterte Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi mit seinem Referendum.

WAHLEN IN WICHTIGEN EU-STAATEN

Im kommenden Jahr werden die Niederländer, Franzosen und die Deutschen über neue Regierungen abstimmen. «Die Politik hat in den nächsten 15 Monaten das Potenzial, die Märkte kräftig durchzuschütteln», sagt denn auch Janwillem Acket, Chefökonom bei der Privatbank Julius Bär. Natürlich sei nicht absehbar, wie die Wahlen ausgehen werden, «sicher ist aber, dass es Ohrfeigen für das bestehende System geben wird».

So ähnlich ist auch die Wahl Donald Trumps in den USA zu sehen, lautet es unisono aus den Reihen der Experten. Trump, als absoluter Aussenseiter, sei eine klare Absage an das sogenannte Establishment. Eine Wahl der Demokratin Hillary Clinton hätte mehr oder weniger eine Fortsetzung des Status Quo bedeutet.

TRUMP BEDEUTET VERÄNDERUNG

«Mit Trump wird es zu einer echten Veränderung in den USA kommen», spricht Mirabaud-Chefvolkswirt Gero Jung die Meinung einiger Experten aus. Denn wie Trump während des Wahlkampfes angekündigte, plant er die Investitionen in Infrastruktur und Rüstung zu erhöhen und gleichzeitig die Steuern zu senken. Dabei dürften die geplanten Kürzungen der Unternehmenssteuer den deutlich stärkeren Einfluss auf die US-Wirtschaft haben als die Steuergeschenke an den privaten Sektor.

Zusammen mit diesen Plänen hat Trump auch einen stärkeren Protektionismus in Aussicht gestellt. Dieser Mix wird der US-Wirtschaft einen Schub verleihen und gleichzeitig die Inflation anheben.

Nach Ansicht der ZKB spielt Trump der US-Notenbank Fed mit seinem Programm quasi direkt zu. Denn wenn Inflation und BIP in den USA steigen, ist die Grundlage gegeben, dass die US-Währungshüter ihre Zinspolitik weiter normalisieren. Im Durchschnitt sagen Ökonomen für das kommende Jahr zwei weitere Zinsschritte voraus. Beim Blick noch weiter nach vorne herrscht weniger Einigkeit.

Generell gehen die ZKB-Experten von einer Entkoppelung zwischen den USA und Europa aus. Während sich die Zinsen in den USA sukzessiv normalisieren, wird die EU vorerst ihre expansive Politik fortsetzen. Auch ist ein Programm, wie Trump es plant, in der EU nicht möglich, weil nach wie vor zu viele Mitglieder auf zu hohen Verbindlichkeiten sitzen.

GUTE AUSSICHTEN TROTZ POLITISCHER WOLKEN

Europa stellt die Experten ohnehin vor Herausforderungen. So rechnen sie zwar allesamt damit, dass das Wachstum solide bleibt, allerdings dürften die «politischen Wolken» das Gesamtbild trüben. Aktuell betragen die Schätzungen für das weltweite Wirtschaftswachstum 3 bis 3,5%. Dazu dürften die Schwellenländer und China massgeblich beitragen. Für die USA geht das Gros der Ökonomen von einem Wachstum um die 2,5% aus, und in Europa dürfte es um 1,5% liegen.

Die Schweizer Wirtschaft dürfte geringfügig langsamer wachsen als die Eurozone. Ein Hemmschuh war bislang der anhaltend starke Franken. Allerdings hat sich hier das Blatt etwas gewendet, und die Einflüsse zwischen schwachem Euro und starkem Dollar gegenüber dem Franken heben sich etwas auf, sodass der handelsgewichtete Aussenwert des Franken zuletzt sogar etwas tiefer lag.

Bleibt angesichts dieser politischen Einflüsse die Frage, wie sich Anleger in diesem Umfeld positionieren sollen: Bei der UBS empfehlen die Experten um Chefökonom Daniel Kalt, vor allem am Schweizer Markt auf Dividenden-Titel zu setzen. Generell erwartet der Experte aber, dass sich zyklische Märkte angesichts der erwarteten Impulse aus den USA besser entwickeln als defensive Märkte wie die Schweizer Börse.

AUF GLOBAL PLAYERS SETZEN

Bei Julius Bär raten die Spezialisten, auf international aufgestellte Schweizer Unternehmen wie Geberit und Schindler zu setzen, die einen Grossteil ihrer Umsätze im Ausland generieren und vom dortigen Wachstum profitieren sollten. Grundsätzlich geben Anlage-Experten in Erwartung des US-Konjunkturprogramms Zyklikern den Vortritt. Auch die Small- und Midcaps mit ihren Nischenprodukten seien in einem solchen Umfeld eine gute Wette.

Wer auf sichere Häfen wie Anleihen setzen möchte, sollte sich wegen der höheren Renditeerwartungen und des erstarkten Dollars in Richtung USA orientieren. Unter dem Strich sollten sich Investoren aber 2017 auf weiterhin volatile Finanzmärkte einstellen.

Henrietta Rumberger, AWP