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Ausgabe Nr. 76 / 03-2017
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KEYSTONE

An Assassination in Turkey | World Press Photo of the Year by Burhan Ozbilici, AP
Das richtige Bild?

Das Bild zeigt die Ermordung von Andrey Karlov, dem russischen Botschafter in der Türkei, durch Mevlüt Mert Altintas, einen 22-jährigen sich nicht im Dienst befindlichen Polizisten, in einer Kunstgalerie in Ankara, Türkei, am 19. Dezember 2016. Der Täter verwundete drei weitere Personen, bevor er von der Polizei getötet wurde.

Der türkische Fotograf Burhan Ozbilici ist dafür mit dem «World Press Photo of the Year» ausgezeichnet worden. Er ist festangestellter Fotograf der Agentur Associated Press in Istanbul. Mit diesem Bild gewann er auch den ersten Preis in der Kategorie «Spot News, Stories».

Die unabhängige internationale Wettbewerbsjury 2017 unter der Leitung von Stuart Franklin, Magnum Fotograf und Professor für Dokumentarfotografie, prämierte die besten Bilder in den acht Kategorien «General News», «Spot News», «Sports», «Contemporary Issues», «Daily Life», «People», «Nature» sowie «Long-Term Projects» aus 80‘408 Vorschlägen, eingereicht von 5‘034 Fotografen aus 125 Ländern. Die World Press Photo Foundation in Amsterdam veranstaltet alljährlich den weltweit grössten Wettbewerb für Pressefotografie, welcher als einer der wichtigsten Auszeichnungen im Fotojournalismus gilt, sowie seit sieben Jahren den Wettbewerb für Multimedia.

Die US-Amerikanerin Mary F. Calvert, Jurymitglied sowie unabhängige Fotografin, sagt zum World Press Photo of the Year: «Es war eine sehr schwierige Entscheidung, doch am Ende fühlten wir, dass die Fotografie des Jahres ein explosives Bild war, welches den Hass, ein grosses Thema unserer Zeit, widerspiegelt. Jedes Mal wenn die Fotografie am Screen erschien, mussten wir zurückweichen, da es so ein explosives Bild ist und es die Definition von dem, was World Press Photo of the Year verkörpert, bedeutet.»

Viele Menschen haben mit Irritation und Unverständnis, manche gar mit heftiger Kritik auf den Juryentscheid reagiert. Jurypräsident Stuart Franklin distanzierte sich öffentlich vom getroffenen Entscheid seines eigenen Gremiums: «Photography is capable of real service to humanity, promoting empathy and initiating change». Dies seien für ihn Kriterien für ein «Bild des Jahres», das prämierte Bild erfülle jedoch keinen dieser Ansprüche. Das World Press Photo of the Year ist ein Bild, das den Wahnsinn zwar im (richtigen) Augenblick zeigt, jedoch darüber hinaus (zu) wenig zu erzählen vermag. Wenn sich der Fotojournalismus entwickeln soll, dann dürfen Bilder nicht nur vordergründige Aspekte abbilden. Fotojournalismus muss – und das ist heute wichtiger denn je – auch die Sprache der Fotografie entwickeln.

Es ist mitunter die Aufgabe von Institutionen wie World Press Photo (oder auch Keystone), die Sprache der Fotografie zu fördern und zu lehren und sie dem Betrachter erklärend zu vermitteln. Diese Sprache ist, wie jede Sprache, differenziert und komplex. Sie hat eine Grammatik, die erlernt werden muss, um die Sprache zu sprechen, jedoch auch, um sie zu verstehen. Mit dieser Sprache muss der Fotojournalismus – die dokumentarische Fotografie – es ermöglichen, auf Umstände aufmerksam zu machen, die sonst nicht wahrgenommen würden. Sie muss helfen, einzuordnen und zu verstehen, journalistisch und ästhetisch. Der Fotojournalismus hat immer wieder bewiesen, dass er dies kann. Manchmal verführerisch und verspielt, jedoch in den wenigsten Fällen moralisch und grob. 

Die Wanderausstellung mit den prämierten Bildern gastiert in mehr als 100 Städten in weltweit 45 Ländern. Nach 10 Jahren ist die Ausstellung World Press Photo 17 in Zürich in neuer Formation zu sehen: Neu wird sie vom 11. Mai bis 11. Juni 2017 im Landesmuseum Zürich gezeigt.

Jann Jenatsch, CEO KEYSTONE