Meldungen von Nachrichtenagenturen, die Fakten vermitteln, sind in der Regel eher eine trockene Materie. Dass sich mit der Symbiose von Nachrichten und Kunst neue Dimensionen erschliessen lassen, zeigt eine Ausstellung des Pariser Künstlers Julien Serve (37).
Während mehr als drei Monaten hat Serve auf der Suche nach Schweizer Nachrichten unermüdlich das Internet durchsurft. Im vergangenen Winter/Frühjahr hat er insgesamt 561 Meldungen aus dem Netz gefischt, wobei es sich in erster Linie um sda-Meldungen handelte sowie um einige Medien-Communiqués. Als Franzose, der die Schweiz kaum kannte, konnte sich Serve so ein Bild über den Alltag in unserem Land machen.
Riesige Leinwände Entstanden ist daraus eine Ausstellung mit dem Titel «Eisnacht mit angekündigtem Tauwetter» («Nuit glaciale et redoux annoncé»). Der Künstler liefert uns darin seine sehr subjektive Sicht auf die Schweiz. Auf riesigen weissen Leinwänden von 2,50 Metern Höhe hat Serve die Meldungen der sda abgedruckt. Im Vordergrund ist jeweils eingerahmt eine kleine Zeichnung zu finden, die einzelne Nachrichten illustriert. Es reiht sich so in verwinkelten Gängen Leinwand an Leinwand.
Politischer Wertungen enthält sich Serve. Sein Beitrag besteht vor allem darin, Illustrationen für Nachrichten zu entwerfen. Während eines Aufenthaltes in Genf im Februar 2013 hat er rund 200 Zeichnungen entworfen und etwa 100 Fotos geschossen. «Die Welt der Bilder sollte ebenso bunt und vielfältig sein wie die Nachrichtenflut, die täglich über uns hereinbricht», hält die Genfer Galeristin Barbara Polla fest, die das Werk im letzten Frühjahr im Pariser Salon für zeitgenössische Kunst ausgestellt hat.
«Ich habe mich persönlich stark eingebracht. Ich habe mir bei dieser Ausstellung alle Freiheiten genommen», betont Serve. Er habe auf seiner Schweizer Entdeckungstour eine Realität angetroffen, die nicht seiner eigenen Lebenswirklichkeit entspreche.
Von der Aktualität inspiriert Auch wenn es bisweilen keinen direkten Bezug zwischen den Nachrichten und den Bildern gibt, lässt Serve keinen Zweifel aufkommen, dass ihn die Aktualität inspiriert hat. Der Steuerstreit zwischen Frankreich und der Schweiz war ein solches Thema. «Wer die Finger in die Konfitüre hält, muss damit rechnen, dass etwas haften bleibt», kommentiert Serve das dazu passende Bild, das eine zerfallende Hand zeigt.
Doch auch provokative Bilder sind zu sehen. Die Frau, die sich mit einer Toblerone masturbiert, rückt die kürzlich errichteten Sexboxen für Prostituierte des Zürcher Strassenstrichs ins Bild. Intimität und Öffentlichkeit stossen hier irritierend aufeinander. «Indem ich die Realität mit meinen Zeichnungen einfange, gelingt es mir, meinen Platz in einer ansonsten nur schwer fassbaren Welt zu finden», so Serve. Auch wenn die Bilder und Zeichnungen nicht immer seine Lebensrealität widerspiegelten und selbst für ihn manchmal nur schwer zu akzeptieren seien.
Faszinierende Zeichnungen Bevor er sich mit seiner Schweizer Ausstellung in unbekannte Tiefen stürzte, hat der französische Künstler in seinem Heimatland bereits ähnliche Spuren hinterlassen. Im Sommer 2012 wählte er 1440 Meldungen der Nachrichtenagentur AFP aus und brachte sie in eine Ausstellung mit dem Titel «Ein perfekter Tag» («Une journée parfaite») ein. Auch hier faszinieren die Zeichnungen. Sie laden ein zum Verschnaufen in der Aktualität, was den Nachrichtenfluss bremst.
Béat Grossenbacher, stv. Chefredaktor
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