Was ist das Tessin? Schon beim Artikel fängt es an knifflig zu werden: Denn da gibt es auch noch den «Tessin», der am Nufenenpass entspringt und dann 250 Kilometer weiter südlich in den Po mündet. Was zwischen diesen beiden Punkten liegt, ist nun seit zwei Monaten mein journalistisches Ackerland.
Seitdem grabe ich um, ziehe Furchen, hinterlasse Spuren und frage ortskundige Medienmenschen, wie sie ihr Feld bestellen. Von ihnen gibt es eine ganze Menge, obwohl zwischen Bergmassiven und Seen, Autobahnzubringern und Shopping-Outletcentern die fruchtbaren Ebenen nur schwer zu finden sind.
Die meisten der rund 350'000 Tessiner leben in den Grossräumen Locarno, Bellinzona und Lugano. Sie sind meine Haupteinsatzgebiete als sda-Korrespondent. Zwischen Lugano auf der einen und Bellinzona und Locarno auf der anderen Seite liegt der Monte Ceneri. An dessen Gipfel verfangen sich seit Jahrhunderten Polemiken wie sonst nur Schlechtwetterfronten.
Eine Kostprobe: In Lugano wird das Geld erarbeitet, in Bellinzona verteilt und in Locarno mit vollen Händen (für die Kunst) ausgegeben. Wie immer steckt in einem solchen Bonmot ein Funken Wahrheit. Trotz Einbussen in den vergangenen Jahren bleibt Lugano der drittwichtigste Finanzplatz der Schweiz. Hinzu kommen die Rohstoffhändler und Metallveredelungsunternehmen, die sich in den beiden letzten Jahrzehnten im Luganese und im Mendrisiotto angesiedelt haben.
Bellinzona ist nicht nur Kantonshauptstadt und folglich Sitz der Regierung und des Parlaments. Hier verhandelt auch das Bundesstrafgericht Fälle, die eine Tragweite für die gesamte Eidgenossenschaft haben. Mit Fertigstellung der NEAT gewinnt die Stadt ausserdem als Bahnknotenpunkt an Bedeutung.
In Locarno wird selbstverständlich nicht nur Geld ausgegeben. Aber Kunst und Kultur sind der ganzen Region des Locarnese lieb und teuer - und damit werden auch Besucher angelockt. Neben dem weltbekannten Festival del film di Locarno gibt es auch kleinere «Hidden Champions» in der Nähe des Lago Maggiore: An der Hochschule des Teatro Dimitri studieren junge Menschen aus der ganzen Welt das Bewegungstheater und präsentieren sich dem Publikum. Im Valle Maggia befindet sich eine über die Landesgrenzen hinaus bekannte Schule für Bildhauerei. Und im benachbarten Valle di Verzasca organisierten junge Fotografen aus dem Tal heuer zum ersten Mal ein Fotofestival, bei dem sie «ein Fenster zur Welt» öffneten.
Wie aber sieht mein journalistischer Alltag als Neuling jenseits des Gotthards aus? Tag 1: Medienkonferenz bei der ältesten Bank der italienischen Schweiz: Ehrwürdige Hallen, glänzender Marmor und eine erste Begegnung mit der Tessiner Medienmeute. Während sich der CEO trotz voller Pressepräsenz seelenruhig die Goldrandbrille putzt, führe ich Strichliste: 3 Menschen vom Radio, sieben Zeitungsleute und zwei Kamerateams à 3 Personen. Immerhin gibt es Besuch aus Brasilien. Nicht für den Fussball sei er gekommen, sagt der Gegenüber des Goldbrillenbankers feixend, sondern für das Geschäft. Am Ende ist der Verkauf besiegelt, die Luganeser Bank in brasilianischen Händen. Am Bankenplatz Tessin ist nicht mehr alles Gold, was glänzt.
Tag 5: Ich habe schon wieder den Namen des Stadtpräsidenten von Lugano vergessen. «Bor-ra-do-ri», Marco, ist doch nicht so schwer. 55 Jahre alt und politisches Schwergewicht. Wahrscheinlich das schnellste Pferd im Stall der Lega. Merken. Oder einfach auf die Liste mit den Kantonsnamen in drei Landessprachen schreiben, die ich heute Morgen angefangen habe.
Tag 8: «Borradori» geht mir mittlerweile so locker über die Lippen wie «otorinolaringoiatra», was übrigens Hals-Nasen-Ohrenarzt heisst. Anders als für die Banken läuft bei dieser Berufsgruppe heuer das Geschäft rund. Der kühle feuchte Sommer ist nicht gut für die Atemwege. Die Tessiner Newsportale graben deshalb die normalerweise bis Februar eingemotteten Grippetips schon Mitte Juli wieder aus. Salute!
Tag 11: Ich erkenne Marco Borradori in den verwinkelten Gassen Luganos aus 30 Meter Entfernung von hinten an seinem wallenden Haupthaar. Der Sindaco steht in einer Menschentraube, macht gute Miene zum bald sparsameren Spiel: Die Stadt ist dieses Jahr in den Miesen. Den Banken sei zu danken, dass man das Geld für den Luganeser Kulturpalast LAC schon früher zusammen hatte. Eröffnung 2015.
Tag 17: Ich stehe hier und kann nicht anders. Wieder Borradori. Dieses Mal bei der feierlichen Teil-Einweihung des Bahnhofs von Lugano. Shakehands mit dem SBB-Chef, dann weltmännisches Pathos: Der Alp-Transit, das Jahrhundertprojekt, unsere Kinder werden einmal...
Zürich wird zur Agglo von Lugano oder umgekehrt. Und wer regiert dann wen?
Tag 21: Der Gesamtbundestag kommt ins Tessin – zum ersten Mal seit Menschengedenken. Auf der Piazza Riforma in Lugano spürt man die ganze Leichtigkeit des Seins: 9. Februar, Frontalieri, «Voluntary Disclosure», alles für den Moment vergessen. Es scheint die Sonne (mitten im Sommer!), Risotto und Eis gibt es gratis und dann wimmelt es auch noch vor Selfie willigen BundesrätInnen.
Und: Ich spreche das erste Mal mit Marco Borradori. Bor-ra-do-ri.
Nicolei Morawitz, Redaktor sda Regionalredaktion Lugano
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