| Starke visuelle Inhalte sorgen für maximale Aufmerksamkeit, und das nicht erst in Zeiten von Instagram, Pintarest und Co. Die Sprache der Bilder ist dabei immer Ausdruck unserer Zeit und spiegelt bestimmte Entwicklungen und Vorlieben wider. Doch welche Trends prägen die aktuelle Fotografie? Wir haben mit Alessandro della Valle, Chief Photographer bei KEYSTONE und diesjähriges Jury-Mitglied des PR-Bild Award, über die Entwicklungen der Agenturfotografie in den letzten Jahrzehnten gesprochen.
news aktuell: Sie vergleichen die Bildsprache mit der Mode. Inwiefern?
Della Valle: Die Bildsprache ist einem dauernden Wandel unterworfen. Gewisse Elemente und Qualitätsmerkmale bleiben über verschiedene Epochen bestehen, andere ändern sich laufend, so wie in der Mode.
news aktuell: Gibt es eine klassische Ästhetik, die zeitlos ist?
Della Valle: Ja, zum Beispiel die klassische Reportage-Fotografie mit strenger grafischer Bildsprache und klarem Bildinhalt, welche unter anderem von Henri-Cartier Bresson begründet und weiterentwickelt wurde. Sie bleibt aktuell und erfreut sich nach wie vor grosser Beliebtheit. Anderes kommt und geht.
news aktuell: Welche Trends gab es in der Vergangenheit? Welche heute?
Della Valle: In den 2000er Jahren war es zum Beispiel angesagt, die Bilder mit zu starkem Ringblitz überzubelichten. Ein Stil, der in der Mode begann und sich dann in der dokumentarischen Fotografie verbreitete. Und bereits wieder weitgehend verschwunden ist. In den 80er und 90er Jahren musste ein Agenturbild üblicherweise von vorne bis hinten scharf und ausgeleuchtet sein. Aktuelle Bilder, welche nur eine Wimper der Sprechenden im Fokus zeigen und den Rest in der Unschärfe (Bokeh) verschwinden lassen, wären noch vor 15 Jahren im Papierkorb verschwunden.
news aktuell: Insofern hat die Kreativität ihren Weg auch in die Agenturfotografie gefunden.
Della Valle: Ja, absolut. Die verschiedenen Zweige - Kunst-, Reportage-, Werbe- oder Modefotografie - verschmelzen immer mehr. Jede Sparte lässt sich von der anderen inspirieren.
news aktuell: Wie beurteilen Sie die Bildsprache in den sozialen Medien?
Della Valle: Was auf den sozialen Medien verbreitet wird, ist weitgehend das Kondensat all der oben beschriebenen Strömungen (nebst Milliarden von Bildern bevorstehender Mahlzeiten und Haustieren). Die verschiedenen Foto-Apps von Smartphones generieren automatisch die verschiedenen Stile, ohne dass sich der oder die Fotografierende allzu sehr anstrengen muss.
news aktuell: Was ist das Neue bei den Bildern im Social Web?
Della Valle: Naja, gute oder schlechte Fotografie ist die gleiche - ob sie in sozialen Medien oder auf Papier stattfindet. Schon zu analogen Zeiten war der überwiegende Teil der aufgenommenen Bilder belanglos. Was heute das iPhone ist, war in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts die Kodak Instamatic – natürlich ohne die vielen zusätzlichen Gestaltungsmöglichkeiten der aktuellen Smartphone-Kameras. Neu ist, dass sich Facebook und Konsorten in ihren AGB gleich alle Rechte der publizierten Bilder aneignen.
news aktuell: Fallen Ihnen aktuelle Beispiele für besonders gelungene Bildsprache ein?
Della Valle: Ja, allerdings scheint die Bewertung «Gelungene Bildsprache» in Anbetracht der vermittelten Tragik zynisch. Mir fallen zwei prägende Bilder der letzten Zeit ein, die sich sofort nach ihrer Entstehung rasend schnell verbreiteten (Neudeutsch: sie gingen viral) und eine virulente Diskussion auch in den sozialen Medien auslösten: Das des toten Aylan Kurdi am Strand von Bodrum, aufgenommen im Herbst 2015 von der türkischen Fotografin Nilufer Demir. Und im August dieses Jahres ging das Bild des 5-jährigen Omran Daqneesh um die Welt. Der Fotograf und Medienaktivist Mahmoud Raslan hat den kleinen Omran gefilmt und fotografiert, wie er nach einem Raketenangriff auf sein Wohnhaus blutüberströmt, aber ruhig und gefasst in einer Ambulanz sass. Die zwei Bilder sind vergleichbar mit dem Bild der um ihr Leben rennenden neunjährigen Kim Phuc nach einem Napalm Angriff in Süd Vietnam, welches AP-Fotograf Nick Ut im Jahr 1972 fotografiert hat und welches die öffentliche Meinung der US-Bevölkerung zum Vietnamkrieg nachhaltig beeinflusste. Es scheint, dass die Weltöffentlichkeit erst aufgrund von Bildern leidender Kinder von den humanitären Katastrophen Kenntnis nimmt, welche Kriege wie der Syrienkonflikt verursachen. Ob die zwei genannten Beispiele aus dem Nahen Osten den verheerenden Krieg in Syrien oder das fortdauernde Flüchtlingsdrama beeinflussen können, darf leider bezweifelt werden.
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