Die Auslagerung von Firmenabteilungen in ferne Kontinente ist in der Industrie und im Dienstleistungssektor seit jeher fester Bestandteil der Unternehmensstrategie. Schon der Ökonom David Ricardo hat Anfang des 19. Jahrhunderts in seiner Theorie der komparativen Kostenvorteile nachgewiesen, dass die Optimierung der Standortwahl Produktion und Handel positiv beeinflusst und die Arbeitsproduktivität erhöht.
Auch in der Medienbranche, traditionell eher eine inlandorientierte Branche, zeigt sich mittlerweile ein Trend zur Internationalisierung. So unterhält die Onlineredaktion der Gratiszeitung «20 Minuten» seit einigen Jahren ein Büro in Hongkong. Und das Onlineportal des «Tages-Anzeigers» ist seit knapp einem Jahr in Bangkok präsent. Die dänische Nachrichtenagentur Ritzau betreibt schon heute ihren Nachtdienst von Sydney aus – mit sehr guten Erfahrungen.
Die sda hat nun beschlossen, ihrerseits per Anfang 2014 den Nachtdienst in die australische Metropole auszulagern. Je zwei Journalisten deutscher und französischer Sprache, die aktuell bei der sda in Bern tätig sind, werden ab diesem Zeitpunkt ihre Arbeit in Sydney aufnehmen. Zu diesem Zweck mietet die sda Büroräume bei der australischen Nachrichtenagentur AAP. Die sda-Mitarbeitenden können so vom News-Umfeld profitieren und sich mit ihren AAP- und Ritzau-Kollegen austauschen.
Wie das Beispiel Ritzau zeigt, dürfte die Nachrichtenproduktion mit der Auslagerung an Dynamik gewinnen. Statt um 23 Uhr in der Nacht treten die Kollegen auf der anderen Seite des Globus ihren Dienst (je nach Sommer- oder Winterzeit) um 7 oder 8 Uhr in der Früh an. Da es sich um eine normale Tagschicht handelt, sind die Mitarbeitenden fitter und in der Lage, zusätzliche Aufgaben zu übernehmen.
Über Grossereignisse wie Unglücke oder Katastrophen in der Schweiz, die in der Nacht geschehen, wird die sda weiterhin aktuell berichten. Der Nachtdienst alarmiert bereits heute in solchen Fällen den Korrespondenten vor Ort. Flashes, Eilmeldungen und Übersichten auf Basis von Polizei-Informationen lassen sich von Sydney aus ohne weiteres verfassen.
Dass die Verlagerung des Nachtdienstes von Bern nach Sydney auch Kosteneinsparungen bringt, verhehlt die sda nicht, entfällt doch der Nachtzuschlag. Das Sparpotential beträgt jährlich wiederkehrend rund 100‘000 Franken. Eine interessante Stelle auf einem reizvollen Kontinent mit einer hochmotivierten Crew und das alles zu tieferen Kosten – im besten Sinne Ricardos schwingen hier psychologisch wie ökonomisch ganz eindeutig die Vorteile des Standortes Sydney obenaus.
Winfried Kösters, stv. Chefredaktor
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